Zum letzten Mal: Am Kita-Fenster winken

oder: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Ich habe mir vorgenommen, weniger Zeit an meinem Smartphone zu verbringen und die dadurch gewonnenen Viertelstunden fürs Schreiben, Yoga und Klavierspielen zu nutzen. Dennoch schaue ich täglich kurz auf Instagram vorbei. Es zerstreut mich auf angenehme Art und Weise, wenn ich Bilder von Fuchsbabys sehe, den Sonnenuntergang auf Bornholm, norwegische Fjorde oder Cornwalls Strände. Ich schaue auch immer, was Mady Morrison so macht. Das inspiriert mich irgendwie, zum Beispiel, wenn sie sich ein gesundes, vollwertiges Frühstück zubereitet. Heute früh ist mir auf Instagram ein Beitrag von SWR3 Online vorgeschlagen worden: ein Bild des Schauspielers Wotan Wilke Möhring und ein Zitat von ihm: „Das Ziel von Kindererziehung ist, dass sie dich nicht mehr brauchen. Und das ist wahre Liebe: Dass du nichts von ihnen willst, außer dass sie sie werden und glücklich sind.“ Es hat mich berührt. Ich denke, er hat recht. Kinder zu haben hat vom Augenblick ihrer Geburt auch mit Abschiednehmen zu tun.

Heute Morgen habe ich eine Kaffeerunde mit meiner Freundin Alex gedreht. Wir sind an einer Kita vorbeigekommen, ein Mann mit Hund stand davor und winkte seinem Kind, das am Fenster zu sehen war. Er winkte nicht nur, er versteckte sich auch hinter einem Banner, das am Zaun befestigt war, und kam dann wieder zum Vorschein. Die Freude darüber, Vater zu sein, stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich habe mich auch immer gern unten vor der Kita aufgestellt, um meinen Töchtern zuzuwinken, bevor ich zur Arbeit gefahren bin. Die Krippe war im Hochparterre untergebracht. Dort konnte ich die Kinder sehr gut am Fenster stehen sehen. Als sie älter wurden, wanderten sie hoch in den ersten Stock. Auch zu dieser Zeit spielte das Winken noch eine große Rolle. Es war ein schöner Moment, wenn plötzlich ein Köpfchen am Fenster auftauchte (wie der Kopf eines Seehundes an der Wasseroberfläche). Das Köpfchen eines Kindes, das auf wundersame Weise zu einem selbst gehörte. Die letzte Zeit vor der Einschulung verbrachten meine Töchter unter dem Dach, es gab nur kleine Fensterchen, die von unten nicht gut zu sehen waren. An Winken war da leider nicht mehr zu denken. Vielleicht war es zu dieser Zeit aber auch schon nicht mehr so wichtig.

Manchmal vergaßen meine Töchter, dass wir am Fenster verabredet waren. Sie wurden vielleicht sofort herzlich von Freundinnen oder Freunden begrüßt und in ein Spiel verwickelt, jedenfalls kamen sie nicht. Ich stand unten und schaute sehnsüchtig nach oben. Wie sollte mein Tag jetzt weitergehen, ganz ohne Winken? Viel schlimmer aber war es, wenn ICH das Winken vergaß! Etwa, weil mich eine andere Mutter im Treppenhaus in ein Gespräch verwickelte und ich gedankenverloren die Kita verließ. Manchmal fiel es mir rechtzeitig ein und ich kehrte schnellen Schrittes zurück. Manchmal dachte ich erst wieder bei der Arbeit daran und bekam ein schrecklich schlechtes Gewissen. Manchmal erfuhr ich im Nachhinein, dass eine meiner Töchter wegen des verpatzten Abschieds geweint hatte. Dann fühlte ich mich besonders unzulänglich. Ich hoffe, dass es nichts ist, was die Kinder in einer späteren Therapie irgendwie aufarbeiten müssen.

Ab und zu verabredeten die Mädchen und ich, dass wir uns NICHT winken würden, damit es keiner von uns vergessen konnte… Aber da waren sie schon älter.

Baby Boss, die jüngste meiner Töchter, kommt nach den Sommerferien in die fünfte Klasse. Das morgendliche Winken liegt also sehr lange zurück. Der Mann, der heute früh mit seinem Hund vor der Kita stand, hat mich an dieses liebgewonnene, jetzt verlorene Ritual zurückdenken lassen. Es war ein schöner Moment, es ist eine schöne Erinnerung.

Dass mein Mann und ich nicht mehr winkend am Kita-Fenster stehen, bedeutet für uns aber nicht nur Abschied und Wehmut, sondern vor allem auch Neuanfang. Es bedeutet, dass sich unsere Töchter weiterentwickeln, dass sie mutig und anmutig durchs Leben gehen, nicht mehr auf knubbligen, kleinen Kinderbeinchen, sondern auf langen, schmalen Teenager-Beinen (zumindest Belle und Supergirl). Nicht mehr mit Socken in Sandalen, sondern in Sneakers. Nicht mehr in Kleidern, die ich für sie ausgesucht habe, sondern bauchfrei. All das bedeutet, „dass sie sie werden“, um es mit Wotan Wilke Möhrings Worten zu sagen. Dass sich das, was sie ausmacht, immer mehr entfaltet. Und ich habe das Glück, dabei in der ersten Reihe zu sitzen, vielleicht auch irgendwann einmal weiter hinten. Aber es wird mich sicher nicht davon abhalten, Tränen der Dankbarkeit und der Rührung zu vergießen.

6 Kommentare zu „Zum letzten Mal: Am Kita-Fenster winken“

  1. 😍😘 knuffig, absolut knuffig. Kenne das selbst auch, jede Zeit hat so seine Besonderheiten und mit unseren Kindern merken wir doch wie schnell die Zeit vergeht und an manchen Tagen denke ich so an den ersten Tag meines Kindes zurück, als er in den Kindergarten (in dem Falle Krippengruppe) ging mit seinem Teddy in der einen Hand und seinem Hinterherziehkoffer in der anderen Hand und jetzt hat er sich entschlossen sein Abi zu machen, ist ein Kopf größer und ich kann mich hinter ihm verstecken ,-)! Aufregung, erster Tag in „Fremdbetreuung“, erster Tag in der Grundschule, erster Tag in der Weiterführenden, die ganzen Verabschiedungsfeiern und irgendwann vielleicht erster Tag als Oma 😂🤣.

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    1. Ja, diese ganzen ersten Male! Immer ist man aufgeregt, vielleicht manchmal sogar aufgeregter als sein Kind! Dann braucht es eine Weile, bis sich alles wieder gefunden hat, bis Kita-, Grundschul-, Oberschulleben routiniert verlaufen – und schon ist diese Phase vorbei! Es ist einfach unglaublich. Vor allem: unglaublich schön!

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  2. Noch vergessen, loslassen ist ein Prozess der irgendwie immer andauert und jede Zeit hat so seine wunderbaren Rituale. 🥰 Wenn mir früher jemand sagte es wird nicht besser (wenn es mal Unstimmigkeiten gab oder das Kind Blödsinn machte je nach Alter eben) es wird nur anders, kann ich da heute nur nicken.

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  3. Liebe Sophie, das sind ja ganz großartige Gedanken und Geschichten, die du mit uns teilst. Danke dafür!

    Ja, diese Einsicht stimmt etwas traurig dass man von Anfang an als Mutter oder Vater darauf hin arbeitet, dass man eines Tages nicht mehr gebraucht wird und man sich selbst überflüssig macht **schnief**. Aber nein, so schlimm ist es tatsächlich nicht, die Kinder werden lediglich größer und unabhängiger, und als Elternteil gewinnt man tatsächlich allmählich wieder mehr Freiräume für sich oder als Paar. Und egal ob klein oder groß: deine Mädels werden immer deine Mädels bleiben! Das ist das schöne an Kinder haben.

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  4. Liebe Sophie,
    Dein Blog zum Thema Verabschieden hat bei mir Erinnerungen, an eigene Abschiedsrituale aufkommen lassen.
    Dabei kam mir das berühmte Gedicht von Khalil Gibran : „Eure Kinder …“ in den Sinn, in dem es um die Sehnsucht des Lebens nach sich selber geht. Danke für den Denkanstoß!

    Es grüßt der Follower

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