Immer wieder: Geschenke des Himmels

oder: Gute Menschen

Heute Morgen lag ich neben meinem Mann im Bett, an ihn geschmiegt, und vergoss von ihm unbemerkt ein paar Tränen des Glücks. Ich erzähle jetzt einfach mal davon, auch wenn es privat ist, mich vielleicht in ein seltsames Licht rückt, mich emotional erscheinen lässt, womöglich zu emotional, gefühlsduselig geradezu. Aber so bin ich nun mal, ich kann nicht anders.

Ich vergieße Tränen des Glücks, der Trauer, der Erleichterung, der Wut – wann immer es sich anbietet. Ich müsste das hier nicht erwähnen, könnte es für mich behalten, frage mich aber: Wieso sollte ich? Ich bin jetzt 47 Jahre alt und habe mich viel zu oft nicht getraut, zu meinen Gefühlen zu stehen. Habe sie heruntergeschluckt und zum Beispiel nicht gesagt, dass ich mich verletzt oder respektlos behandelt gefühlt habe. Dabei habe ich immer gehofft, dass es bemerkt wird! Ich wollte gesehen und gehört werden, habe mich aber geduckt, versteckt und geschwiegen. Im beruflichen Kontext, aber auch privat. Ich bin ein People Pleaser und möchte es allen recht machen. Dabei habe ich mich immer mal wieder selbst vergessen.

Gestern haben mein Mann und ich eine kleine Adventsfeier veranstaltet. Ich hatte die Idee dazu und habe Menschen eingeladen, mit denen ich in diesem Jahr viel Zeit oder besondere Momente verbracht habe, oder mit denen ich Dinge unternommen habe, die mir am Herzen liegen. Es waren Menschen dabei, die ich schon ewig kenne, und solche, die eher neu in meinem Leben sind. Es war eine ziemlich bunte Truppe mit Gästen im Alter von drei bis siebenundsiebzig und es fühlte sich ein bisschen wie ein Experiment an, weil ich das erste Mal zu einer so gemischten Feier eingeladen hatte. Meine Eltern und mein Bruder waren da, Goldlöckchen und ihre Tochter, Anna Freudchen und Pippilotta, Juskabo, ehemalige Kollegen, mit denen ich befreundet bin, Baby Boss’ Gesangslehrer und viele weitere solcher Lichtgestalten. Ich kann es nicht anders sagen: Ich habe die besten Freunde der Welt. Jede und jeder spielt völlig zu Recht eine Rolle in meinem glücklichen Leben.

Und warum ist mein Leben so glücklich? Da kann ich wirklich viel aufzählen, ich Sonntagskind, ich Glückspilz! Aber heute soll es um gestern gehen. Darum, dass mir einmal mehr bewusst geworden ist, wie gern ich Teil eines Ganzen bin, einer Gruppe, einer Gemeinschaft. Wie schön das Leben ist, wenn man es mit anderen verbringt. Dass es sich gut anfühlt, im Kontakt zu sein, im Austausch. Dass es dabei nicht darauf ankommt, ob diese Menschen wie ich Frauen sind und in meinem Alter. Dass Freundschaften nicht an Konventionen gebunden sein müssen, dass man sich davon komplett frei machen kann – und sollte! Und dass man die gegenseitige Zuneigung gar nicht oft genug beteuern kann.

Ich erlebe Freundschaften und das Miteinander mit anderen als Geschenk des Himmels. Goldlöckchen zum Bespiel, mit der ich Gott sei Dank schon mein ganzes Leben verbringe, wurde mir von oberster Stelle gesandt, glasklar. Und unter den Menschen, mit denen ich gern meine Zeit verbringe, ist auch ganz sicher der eine oder andere hochsensible oder zwanghafte genetische Zwilling. Gute Seelen sind dabei, Felsen in der Brandung, Schultern zum Ausweinen und Schreiberlinge, mit denen ich in einer schaukelnden Schaluppe aufs offene Buchstaben-Meer manövriere, sowie Kaninchenfreunde und Pferdemädchen. Menschen, die mich dazu überredet haben, so abenteuerliche Dinge zu tun, wie gemischtes Popcorn (süß und salzig!) zu probieren, bei dessen Verzehr jeder Bissen eine Überraschung beinhaltet. Gar nicht so leicht für Zwangsneurotiker, die gern alles unter Kontrolle haben! Mit manchen der gestrigen Gäste habe ich schon bei Sturm im Zelt übernachtet, mit anderen auf dem Ponyhof in Stockbetten (am Rande bemerkt: da war ich schon lange erwachsen!).

Wenn ich mir meine Freunde so anschaue, dann sind es auch oft die kleinen Gesten, die mich glücklich machen. Bedeuten sie nicht die Welt? Von Menschen umgeben zu sein, die eigenständig und wie selbstverständlich in der Küche einen Topf aus der Schublade nehmen und einen Glühwein aufsetzen oder sich ohne lange zu fackeln einen Kaffee zubereiten. Die mir anbieten, das Kerzen-Anzünden zu übernehmen, nachdem mein erster Versuch kläglich gescheitert ist. Die mit Pralinen, Baumkuchen, Blumen und ganzen Geschenke-Sets hier aufkreuzen, obwohl es wirklich nicht nötig wäre – und sie es auch wissen. Menschen, die gekommen sind, obwohl sie durch schwierige Phasen gehen, die sich im Kreise vieler Menschen nicht unbedingt wohl fühlen, die wussten, dass sie kaum jemanden kennen würden, die mitten im Umzug stecken oder denen es schwerfällt, überhaupt in den dritten Stock zu krauchen.  Die unkompliziert und zupackend sind, kommunikativ und offen, freundlich und zugewandt. Meine Güte, was habe ich nur für ein Glück! Von Menschen umgeben zu sein, die es gut mit mir meinen.

Wir hatten eine durchwachsene Woche mit ihren Tiefpunkten am Dienstag und am Mittwoch. Am Dienstag wurde uns beim Orthopäden eröffnet, dass Baby Boss zwei operative Eingriffe unter Vollnarkose bevorstehen – noch vor Weihnachten. Und am Mittwoch wäre fast unser Kaninchen Hermine gestorben.

Ich habe das gute Gefühl, dass jede der gestern anwesenden Personen ein offenes Ohr für diese Geschichten gehabt hätte. Die Tränen des Glücks heute Morgen habe ich deshalb vergossen.

8 Kommentare zu „Immer wieder: Geschenke des Himmels“

  1. Ein sehr schöner Blog! Und nach langer Zeit! Milde gestimmt durch den Besuch der Messe und durch andere Umstände habe auch ich ihn voll Ergriffenheit gelesen.Und auf Jazz Radio läuft noch ein Song von Sam Cooke! Eigentlich bin ich in der Adventszeit immer nur erbaut vom Evangelium und gerührt von Charles Dickens! Aber dieser Beitrag hat doch mein armes Sünderherz berührt! Danke und eine besinnliche Zeit!

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    1. Ach, das rührt mich nun wieder. Und dann bringst du auch noch Charles Dickens und den Ausdruck „armes Sünderherz“ in einem Kommentar unter. Da habe ich doch direkt Ebenezer Scrooge vor Augen. Hatte der nicht auch so ein Charaktergesicht? Eine frohe Adventszeit!

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  2. Es gibt einen guten – und auch witzigen – Spruch von George Bernard Shaw zum Thema Freundschaft:
    „Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte.“
    Während man sich die letzteren bekanntlich nicht aussuchen kann, hat man bei ersteren die große Auswahl. Und wenn man Glück hat, trifft man tatsächlich auf verwandte Seelen, denen man sich sehr nah fühlt. Toll, dass du auf die Richtigen getroffen bist. Und auch sehr gut, dass du Demut zeigst angesichts deines Glücks.
    PS Dein Glück ist sogar doppelt, denn auch bei den „Verwandten“ hast du es gut getroffen 😉

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  3. Ein wahrhaft gelungener Auftakt in den Advent, liebe Sophie! Du kannst dich glücklich schätzen, so viele gute Menschen in deiner Nähe zu haben und die Idee, einfach mal alle auf einen Schlag einzuladen (ganz ohne runden Geburtstag), finde ich genial.
    Für Baby Boss alles Gute! Auf dass sie Weihnachten alles gut überstanden haben wird und unbeschwert ins neue Jahr starten kann!
    Herzliche Grüße aus Italien von Anke

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    1. Du bist auch so eine liebe Person, die ich gern dabei gehabt hätte – wäre der Weg nicht so weit! Vielleicht kannst du es ja im nächsten Jahr einrichten, denn ich würde gern eine Tradition daraus machen: Gemütliches Beisammensein jeweils am Samstag vor dem ersten Advent. Save the date, liebe Anke!
      Und vielen Dank auch für die Wünsche für Baby Boss. Ein Kind im OP ist ja immer ziemlich nervenaufreibend und ich bin froh, dass gestern beim ersten Eingriff alles so gut gelaufen ist. Nach einer eher unterdurchschnittlichen Nacht mit vielen Schmerzen und Schmerzmitteln fühle ich mich allerdings reif für einen Mittagsschlaf …
      Die allerherzlichsten Grüße aus Berlin von Sophie

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