Zum ersten Mal: An die Wohnung gefesselt

oder: Supergirl

Zwei Wochen lang war meine mittlere Tochter in Quarantäne: erst als Kontaktperson meiner kleinsten Tochter und dann – kurz vor einem möglichen Ende ihrer Isolation – als Kontaktperson meines Mannes. Danach kamen wir gar nicht mehr dazu, übers Freitesten nachzudenken, weil sie drei Tage später selbst ein positives Testergebnis hatte. Meine Mittlere, fast 12 Jahre alt, ein kommunikatives, sportliches, freiheitsliebendes, zauberhaftes Mädchen, das ganze Tage damit verbringen könnte, mit ihrer besten Freundin durch die Gegend zu radeln, das reitet und turnt und gerade mit einer Fußball-AG in ihrer Schule angefangen hat, war also in der Wohnung eingesperrt, länger als jedes andere Familienmitglied.

Während zuerst alle Augen auf das infizierte Nesthäkchen gerichtet waren – „Geht es dir gut? Ist dir langweilig? Hier, ich habe dir ein Buch mitgebracht. Komm‘, ich lese dir Asterix vor.“ –, saß sie bereits mit ihrer großen Schwester hinter verschlossenen Türen in deren Zimmer. Die war als „frisch Geimpfte“ nicht von der Quarantäne betroffen, ihr stand es frei, die Wohnung jederzeit zu verlassen, um ihre Nase in die nasskalte Januarluft zu halten.

Als auch mein Mann infiziert war und wir Zimmer und Betten aufteilen mussten, zog meine Mittlere freiwillig ins Wohnzimmer aufs Sofa, wo sie sich ein gemütliches Lager einrichtete. „Ich schlafe gern hier“, sagte sie, nachdem sie ihre Kuscheltierrobbe und ihr Bettzeug ins Zimmer getragen hatte.

Fleißig und gewissenhaft erledigte sie ihre Schulaufgaben, ihre beste Freundin schickte ihr jeden Tag einen Arbeitsplan per WhatsApp, auf dem sie eifrig das Geschehen in der Schule notiert hatte, Fach für Fach. Als die beste Freundin selbst als Kontaktperson in Quarantäne musste, übernahm eine andere den Job, ebenfalls voller Leidenschaft. Die abfotografierten Zettel, die auf meinem Smartphone landeten, waren mit Filzstift geschrieben, in vielen bunten Farben. Dort stand zum Beispiel: „Klassenstunde: über Ausflug gesprochen, vom Wochenende erzählt“ und „Englisch: p. 64 no. 12 (Sätze schriftlich) (Schreibe am besten das auch noch auf was Robin Hood sagt und lass die Zahlen weg)“. Mir fielen dazu die Worte „Freundschaft“, „Hilfsbereitschaft“ und „Gutherzigkeit“ ein, diese bunten, liebevoll gestalteten Zettel rührten mich wirklich sehr. Es tat gut zu wissen, dass es da draußen Menschen gab, die an uns dachten. Und es waren viele, die das taten.

In der Quarantäne habe ich oft geschrieben, gelesen, Kontakt zu meinen Freundinnen gehalten. Und ich musste leider ein bisschen Arbeit erledigen, einen Artikel fertigschreiben. Doch womit hat sich meine mittlere Tochter dort drüben im Wohnzimmer eigentlich die Zeit vertrieben? Manchmal habe ich es poltern gehört, dann hat sie geturnt, ihre Beine an die Tür geschwungen und Handstand-Liegestütz gemacht, die sie vom Mann meiner angeheirateten Cousine gelernt hat. Seit einiger Zeit gehört ihr mein altes Smartphone, damit hat sie sich beim Turnen gefilmt, Standbilder fotografiert und sie später als Profilbild eingestellt, die sie fast täglich geändert hat. Manchmal hat sie auch Collagen aus kleinen Kätzchen und Eisbären zusammengestellt – ich weiß gar nicht, wie das geht. Und sie hat Gruppentelefonate per WhatsApp geführt, auch das habe ich noch nie gemacht. Im Internet hat sie Promi-Klatsch-und-Tratsch gelesen, zum Beispiel welche Stars ebenso wie sie Pferde mögen.

Und meine mittlere Tochter hat ein neues Hobby gefunden: Sie hat angefangen, per App Klavier zu lernen. Was ich selbst nicht geschafft habe – sie für ein Instrument zu begeistern –, hat jetzt die Pandemie erreicht. Mit irgendetwas musste man sich ja schließlich die Zeit vertreiben, nehme ich an. Unermüdlich haute sie in die Tasten, sogar Ed-Sheeran-Songs hat sie gespielt, obwohl ich sie vorher nie von diesem englischen Super-Sympath überzeugen konnte, den ich heimlich verehre. Aber noch mehr hat sie sich in „Rolling in the deep“ von Adele vertieft. Seitdem sie die Apps für sich entdeckt hatte – es waren insgesamt vier –, hat sie jeden einzelnen Tag Klavier gespielt, manchmal sogar stundenlang.

Eine Zeit lang waren nur wir beide infiziert. Wir haben morgens zusammen im Schlafzimmer gefrühstückt und dort abends auf dem Bett und am Schreibtisch sitzend Pizza gegessen. Dabei haben wir uns über unsere Lieblingsserie unterhalten: „Wer sind deine drei Lieblingspersonen?“ „Tim, Lou und Georgie. Und wer deine?“. Wir haben vermutlich mehr Zeit nur zu zweit verbracht, als wir das zeitgleich ohne Quarantäne getan hätten.

Früher, als sie noch ein Baby und Kleinkind war, waren wir ein unschlagbares Team. Sie war auch damals schon so sportlich, deshalb passt der Begriff Team total gut zu ihr. Bei der Babymassage gab es kein Halten für sie. Während die anderen Mütter ihre ruhig auf dem Rücken liegenden Babys streichelten, lag meine Mittlere, damals noch meine Kleine, auf dem Bauch und wollte robbend vorwärts, die Welt erkunden.

Später dann beim Kinderturnen, das sie nur als Begleitung ihrer damals rund vier Jahre alten Schwester besuchte, gab es keine Sprossenwand, die sie nicht erklommen hätte. Noch später – als Kita-Kind – hat sie mit dem Bouldern angefangen. Als sie in eine Leistungsriege aufsteigen sollte, hatte sie keine Lust mehr und begann mit dem Geräteturnen. Kein Berg wird ihr jemals zu hoch sein, kein Weg zu weit, da bin ich mir ganz sicher. Von ihr kann ich mir noch ein Scheibchen abschneiden. Wenn ich es schaffe, sie einzuholen.

Als unsere Kleinste auf die Welt kam, musste sie Platz machen, das Team geriet vielleicht ein bisschen in Vergessenheit, für sie vielleicht mehr als für mich. Ich glaube, es ist nicht so leicht, wenn in der Geschwisterfolge noch jemand nachrückt und einem vermeintlich den Rang streitig macht.

Neulich beim Blick in den WordPress-Account, mit dem ich den Blog betreibe, habe ich gesehen, dass ich einen weiteren Follower gewonnen habe. Es sind noch nicht so viele, deshalb habe ich einen genauen Überblick über die Anzahl. Ich habe gleich nachgeschaut, wer das wohl sein kann – und es war meine mittlere Tochter, die den Blog abonniert hatte, um immer auf dem neusten Stand zu sein. Das hat mich sehr gerührt.

Noch mal kurz zurück zu Corona: Während dieser ganzen zwei Wochen, die ihre Quarantäne angedauert hat, hat sich meine Mittlere kein einziges Mal über ihre Situation beschwert, sie hat nicht gehadert, keine Träne vergossen. Aber wenn sie gesehen hat, dass ich es vielleicht tun könnte, dann hat sie mich in den Arm genommen und hinter ihrer Maske etwas gemurmelt wie: „Ich glaube, du brauchst jetzt eine Umarmung.“

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