Immer wieder: Kreisverkehr

oder: The Outtakes, Part II

Eigentlich möchte ich so tun, als ob die kieferorthopädische Behandlung in Barrington Court das einzige Problem war, das wir am dritten Urlaubstag lösen mussten. Eines pro Tag genügt ja meist vollkommen. So empfinden wir das zumindest. Nach rund 1.500 Kilometern Autofahrt, die uns von Berlin durch vier deutsche Bundesländer und drei europäische Staaten geführt hatte, waren wir froh, endlich an unserem ersten Urlaubsort in Cornwall angekommen zu sein. Unsere Gastgeber begrüßten uns herzlich, wir räumten die zahlreichen Koffer und Rucksäcke und Taschen aus unserem Auto in unser Haus und aßen die obligatorischen Nudeln mit Tomatensauce/Butter/Ketchup, die wir an jedem Urlaubsort als erstes Abendessen zu uns nehmen. Belle probierte sogar von der Tomatensauce und sie schmeckte ihr. Es war also ein sehr guter Tag.

Abends, vielleicht so gegen 22 Uhr englischer Zeit, also eigentlich für uns schon gegen 23 Uhr, als wir uns nach diesem langen, ereignisreichen Tag schlafen legen wollen, hören wir plötzlich einen Ausruf des Entsetzens wie „Oh, nein!“ oder „Mist!“ aus dem Nebenzimmer. Dort haben Belle und Supergirl ihr Quartier bezogen. „Was ist denn?“, rufe ich im Bett liegend über den Flur. „Ich – ich habe meine Kuscheltiere im Hotel vergessen“, antwortet Belle kleinlaut. „Ganz sicher?“ „Ja. Sie müssen in die Ritze zwischen Bett und Wand gerutscht und dann runtergefallen sein.“ Eigentlich finde ich es schön, dass Belle auch noch mit fast 15 ihre Lieblingskuscheltiere mit in den Urlaub nimmt: eine kleine Maus und einen Fischotter namens Otti. Jetzt bin ich allerdings etwas überfordert von den Konsequenzen, die das haben kann. Ob Baby Boss Fipsi, ihren Kuschelaffen, einpackt, habe ich immer im Blick. Eine Zeit lang wollte sie vor lauter Sorge, ein Kuscheltier irgendwo zu vergessen, überhaupt keines auf eine Reise mitnehmen. Ich versprach ihr damals, immer gut auf Fipsi aufzupassen (vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil er schon mir gehört hat, als ich noch ein Kind war). 

Nun gut, jetzt liegen die Maus und der Otter also allein unter dem Bett auf dem flauschigen Teppich im Hotel in Horley. „Wir schreiben dem Inhaber morgen und holen die beiden auf dem Rückweg ab, ja? Mach‘ dir keine Sorgen“, sage ich und mache mir Sorgen. Und zu meinem Mann: „Du schreibt dem, ja? Ich hoffe, die Kuscheltiere sind noch da und er hat sie nicht weggeworfen.“ „Warum sollte er sie wegwerfen?“ Ich zucke mit den Schultern. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass der Inhaber die Kuscheltiere gefunden hat. Er werde sie für uns aufbewahren. „Siehst du“, sagt mein Mann.

Gut drei Wochen später holen wir die Kuscheltiere auf unserem Weg von London nach Rye ab. Ich hatte nicht erwartet, „The Lawn Guest House“ in Horley so bald wiederzusehen. Oder auch je wiederzusehen. Die Maus und Otti sprechen mittlerweile nur noch Englisch. Im Leben eines solchen Tierchens sind drei Wochen eine halbe Ewigkeit.

Besonders gut gefallen mir übrigens Geschichten, die sehr kritisch hätten ausgehen können, man aber gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. So eine haben wir erlebt, als wir eines schönen Nachmittags von Carharrack aus zum Strand gefahren sind. Es war der Porthtowan Beach und wir waren ein bisschen skeptisch, ob wir zu dieser Uhrzeit noch einen Parkplatz finden würden. Aber es gab einen, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt, an einem Hang. Es war ein Parkplatz für mehrere Autos, also nicht einfach nur der Fahrbahnrand, und wir fanden eine Lücke – längs zum Hang wie alle anderen –, stellten unser Auto ab und schlenderten zum Meer. Der Aufenthalt war einigermaßen abenteuerlich, weil wir uns zunächst an einer Stelle niederließen, die in der nächsten Bucht lag. Die Mädchen liefen zum Meer und ich entfernte mich ebenfalls von unserer Picknickdecke, um ein paar Fotos zu machen, als ich bemerkte, dass ein Strandfahrzeug in die Bucht brauste und ein Rettungsschwimmer ein paar Frauen, die in der Nähe von uns saßen, ansprach. Der Rettungsschwimmer fuhr davon, die Frauen brachen ihr Lager ab, mein Mann ging zu ihnen hinüber, ich sah sie sprechen. Kurz darauf machte er mir ein Handzeichen, dass ich zurückkommen sollte.

„Wir müssen hier weg“, sagte er. „Die Flut steigt. Gleich sind wir abgeschnitten.“ In Windeseile packten wir unsere Sachen zusammen und mussten tatsächlich schon durch teilweise knietiefes Wasser waten, um den Hauptstrand zu erreichen.

Porthtowan Beach.

Als wir später zum Parkplatz zurückkehren, ist es wie auf einem Suchbild: Entdecke den Unterschied. Unser Auto befindet sich nicht mehr exakt da, wo wir es abgestellt haben. Es ist heruntergerutscht und steht jetzt Stoßstange an Stoßstange mit einem anderen Auto, das es offenbar aufgehalten hat. Sonst wäre unser Wagen bis zu einer kleinen Steinmauer gerollt. Mir wird ein bisschen heiß und kalt bei dem Anblick. Mein Mann wirkt gefasst wie eh und je. „Mädels, ihr könnt jetzt nicht einsteigen. Wartet bitte da unten“, sage ich und deute in die Ferne. Mein Mann steigt vorsichtig allein ein, fährt das Auto in Sicherheit, steigt aus und begutachtet den möglichen Schaden am anderen Wagen, unserem Retter in der Not, den es erfreulicherweise nicht gibt. Unsere hintere Stoßstange ist allerdings leicht eingedellt. Und mit unserer Handbremse stimmt etwas nicht, mein Mann hatte sie bis zum Anschlag angezogen. Wir stellen das Auto in diesem Urlaub nicht wieder am Hang ab, dennoch hören wir die Bremse zuweilen stöhnen, wenn wir uns im geparkten Wagen bewegen.

In England herrscht bekanntermaßen Linksverkehr, und die Engländer haben eine große Vorliebe für Kreisverkehre, also zumindest die Stadtplaner und ihr Pendant auf dem Lande. Die Kreisverkehre sind oft groß und furchteinflößend. Während man hineinfährt, muss man sich darauf konzentrieren, auf der richtigen Spur zu landen, damit man nicht bei einer unerwünschten Ausfahrt aus dem Kreisverkehr herausgezwungen wird. Mein Mann meistert das alles mit Bravour. Das eine oder andere Mal gelingt es ihm nicht, die richtige Spur zu treffen, und wir fahren bis zum nächsten Kreisverkehr weiter und dann wieder zurück oder wenden einfach unterwegs, indem wir auf Gewerbehöfe oder sonst wohin ausweichen. Manchmal ärgert sich mein Mann darüber, meist trägt er das Im-Kreis-Fahren mit Fassung.

Am vorletzten Tag in England, nachdem wir Belles Kuscheltiere in Horley eingesammelt haben, gerät mein Mann – geraten wir alle – nach einem Kreisverkehr fälschlicherweise auf die Spur, die zum Flughafen Gatwick führt. Es gibt kein Entrinnen, kein Zurück, wir müssen auf den Flughafen fahren, wenigstens sind wir nicht auf dem Weg aufs Rollfeld. „Scheiße!“, ruft mein Mann. Das sagt er sonst nie und vor allem auch nicht so laut und wir anderen werden ganz leise im Auto und keiner traut sich mehr, etwas zu sagen. Die Luft ist zum Schneiden. Wir fahren weiter, Supergirl muss aus dem Beifahrerfenster hinaus ein Ticket für den Parkplatz ziehen. Für einen kurzen Moment denke ich: „Okay, jetzt fährt er gleich in eine Parklücke, die im besten Fall nicht am Hang liegt, lässt uns hier stehen und kauft ein One-Way-Ticket nach Honolulu. Jetzt ist der Punkt erreicht.“ Aber es kommt anders. Der Punkt ist nicht erreicht. Wir verlassen den Parkplatz wieder – zahlen müssen wir für die Stippvisite erfreulicherweise nicht – und fahren zum Kreisverkehr zurück. Dort dürfen wir dann auch endlich alle lachen.

England ist schön (trotz Links- und Kreisverkehr).

4 Kommentare zu „Immer wieder: Kreisverkehr“

    1. Im Fall vom Flughafen Gatwick hätte man auch nicht unbedingt etwas verpasst. Ich meine: Einmal über den Parkplatz zu krauchen, hätte man sich sparen können. Frag’ mal meinen Mann! Aber ich freue mich irgendwie schon, wenn mir Dinge passieren, die sich für einen Blogeintrag eignen. ☺️

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  1. Mein Lieblingsurlaubs-„Unfall“ in deinem Beitrag sind definitiv die vergessenen Kuscheltiere, die inzwischen ihr Englisch perfektioniert haben :-).
    Ähnliches ist auch uns mal im Urlaub passiert, nur dass das Kuscheltier (Käfi, der Marienkäfer) sofort wieder beschafft werden musste (!!!), um einen Nervenzusammenbruch bei unserer untröstlichen, damals 3 jährigen, Tochter zu verhindern. Natürlich sind wir umgekehrt (seufz) und haben ihr Tierchen geholt. Sie hatte uns schließlich gut erzogen ;-).

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    1. Oh mein Gott, ich verstehe! Wäre Belle drei und nicht fast fünfzehn, hätten wir wahrscheinlich auch zurück gemusst! 😳😂
      Auch immer diese Namen: Käfi, Otti, Fipsi (na gut, den letzten Namen habe ich ausgesucht, der passt ja wirklich ausgezeichnet 😉)!

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