Zum ersten Mal: Geschichten eines Pubertiers

oder: Maria, ihr schmeckt’s nicht!

Gestern gab es zum Abendessen Milchreis. Supergirl war so verärgert darüber, dass sie uns andere Familienmitglieder keines Blickes würdigte, während wir gemeinsam am Esstisch in unserem Wohnzimmer saßen. Sie möge nun einmal keinen Milchreis, alle wüssten das, brachte sie hervor. Das Abendessen – die reinste Schikane. Sie stopfte zwei Toasts in den Toaster, aß erst die eine Scheibe und wollte die andere dann nochmal rösten, weil sie zwischenzeitlich abgekühlt war, wie Supergirl später erklärte. Kurz darauf verkohlte die Scheibe im Toaster. Der Geruch zog mahnend durchs Wohnzimmer. Supergirl stampfte hinaus und warf das schwarze Stück Brot in der Küche in den Mülleimer. Die letzte verbliebene Toastscheibe wurde mitsamt der sie umgebenden Plastiktüte neben dem Esstisch auf die Fensterbank gestellt, wo sie sich noch immer befindet und mir Gesellschaft im Homeoffice leistet. Vielleicht ist die Toasttüte eine stille Anklage. Ich darf nicht vergessen, sie später wegzuräumen.

Ich bin etwas uneins mit der Pubertät unserer Kinder. Vielleicht brauche ich noch Zeit, mich daran zu gewöhnen. Vielleicht werde ich mich erst daran gewöhnt haben, wenn sie schon wieder vorbei ist. Vielleicht sollte ich die Zeit deshalb lieber von vornherein für etwas anderes nutzen.

Ich würde sagen, dass ich zu all meinen Töchtern ein sehr inniges Verhältnis habe. Das jähe Weggestoßen-Werden stellt mich deshalb manchmal auf eine harte Probe. Ich weiß, dass ich das nicht persönlich nehmen muss, vielleicht noch nicht einmal darf. Manche Ausbrüche treffen mich dennoch mitten in mein Mutterherz, manche haben etwas latent Komisches. Nur lachen darf man auf keinen Fall darüber, am besten noch nicht einmal mit den Augen rollen oder mit der Stirn runzeln. Augenrollen und Stirnrunzeln sind denen vorbehalten, die sich in der Pubertät befinden.

Belle und Supergirl sind sehr verschieden. Das äußert sich in vielerlei Hinsicht und jetzt auch in ihren unterschiedlichen Teenager-Allüren. Als kleines Kind hat sich Supergirl einmal im Supermarkt im Kassenbereich laut heulend auf den Boden fallen lassen, weil ich ihr irgendetwas nicht gekauft habe, was sie sich gewünscht hat. (Es war kein Milchreis.) In meiner Erinnerung trug sie einen rosa-karierten Schneeanzug, sie lag am Boden wie ein kleiner Schneeengel. Und obwohl es mit ihr einige sehr herausfordernde Situationen gab, habe ich sie immer heiß und innig geliebt und tue es auch jetzt. In Momenten wie diesen ganz besonders. Die Kitaleiterin sagte damals salomonisch: „Kinder wie Supergirl toben sich manchmal schon so sehr aus, dass sie in der Pubertät ganz unkompliziert sind. Manchmal aber auch nicht.“

Für gestern Abend hatte sich Supergirl vom Essensplan abweichend Nudeln gewünscht. „Ja, klar“, habe ich gesagt. „Nudeln gehen immer.“ Als mein Mann nach Hause kam, goss er schwungvoll die Milch in den Topf – noch bevor ich von den neuen Plänen fürs Abendessen berichten konnte. Supergirl zog einen Flunsch. „Wir wollten doch Nudeln essen“, maulte sie. „Gut, dann schütte ich die Milch wieder zurück“, sagte mein Mann. Er hatte gerade anderthalb Stunden in einer Arztpraxis verbracht, um Baby Boss‘ kürzlich eingeklemmten Finger untersuchen zu lassen, aber er war noch immer die Ruhe selbst. Das Röntgenbild hatte ergeben, dass Baby Boss‘ Finger gebrochen, aber mittlerweile wieder zusammengewachsen war. Etwas krumm, aber das würde sich im Laufe der Zeit geben, hatte der Arzt gesagt. Einige wenige Probleme erledigen sich offenbar von selbst, andere nicht. „Wenn ihr alle Milchreis essen wollt, dann ist das auch okay“, sagte Supergirl. „Meinetwegen können wir Nudeln essen“, sagte ich. „Dann fülle ich die Milch jetzt wieder um“, sagte mein Mann. „Nee“, sagte Supergirl. „Ihr wollt ja alle Milchreis essen“. „Nein“, erwiderte ich. „Nudeln sind völlig in Ordnung.“ „Ich möchte aber Milchreis essen“, schaltete sich Baby Boss ein. Belle sagte zu all dem nichts. „Also dann: Milchreis“, entschied mein Mann und begann zu kochen.

In unserer Familie geht es meist demokratisch zu, obwohl ich mir manchmal wünschte, die Alleinherrscherin zu sein. Ich würde dann zum Beispiel bestimmen, dass jeder abends seinen Kram aus dem Wohnzimmer wegräumt, damit ich vormittags im Homeoffice nicht auf Toastverpackungen und am Boden liegende Kleidung schauen muss. Heute steht auch noch ein Wäscheständer in meinem Blickfeld, auf dem vier einzelne Kleidungsstücke hängen. Ich habe es noch nicht geschafft, sie in den Schrank zu räumen. Auf dem Esstisch, der gleichzeitig mein Bürotisch ist, liegen unter anderem ein Playmobilmädchen, ein Zopfgummi, der verzweigte Stiel einer Weintraube und zwei Kastagnetten. Aber ich wundere mich über gar nichts mehr. Die Weintrauben hatte Supergirl aus der Küche mitgebracht, nachdem sie dort ihre verkohlte Toastscheibe weggeworfen hatte. Und irgendwer scheint mit Kastagnetten musiziert zu haben. Vielleicht mein Mann vor lauter Freude darüber, dass normalerweise ich die Arzttermine der Kinder übernehme.

Nachdem Supergirl gestern Abend ein Toast und ein paar Weintrauben gegessen hatte, nahm sie sich noch etwas vom Milchreis. „Und, war er doch ganz gut?“, fragte ich bemüht. „Nee“, sagte Supergirl und verließ den Raum.

8 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Geschichten eines Pubertiers“

    1. Da bin ich mir total sicher, weil ich ohnehin ein bisschen zum Verklären neige. 😉
      Und beim Schreiben musste ich heute selbst lachen, zum Beispiel als ich die Kastagnetten entdeckt habe. Die schienen mir in all dem Chaos besonders absurd! 😂

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  1. Ich musste herzlich lachen, liebe Sophie, habe ich doch vergangene Woche ganz spontan einen ähnlichen Beitrag zum Thema familiäres Essen mit Pubertieren verfasst. (Veröffentlichen werde ich ihn in zwei Wochen, da vorher noch anderes ansteht.) Auch deine Beschreibung all der möglichen und unmöglichen Dinge, die sie überall herumliegen lassen, was wir Mütter wenig inspirierend finden, löste bei mir starkes Kopfnicken aus. Ist es bei euch eigentlich auch so, dass den Vater der Kram im Haus scheinbar gar nicht stört? Immer bin ich diejenige, die angeblich vollkommen übertreibt, wenn sie meckert oder selbst zusammenräumt. Mich packt oft die Wegwerfwut, aber ich glaube das Thema hatten wir hier auch schon mal, von wegen nach der fünften Bitte aufzuräumen, fliegt alles aus dem Fenster. Habe ich mich (bisher) aber noch nicht getraut.😉
    Mitfühlende Grüße aus Pubertierhausen bzw. -landia, in italienischer Ausgabe dasselbe in Grün.🙈

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    1. Ich bin schon jetzt sehr neugierig, was du auf deinem Blog zu dem Thema zu berichten hast! Und habe heute beim Schreiben auch tatsächlich an dich und deine Mädels gedacht. Die Pubertät ist etwas, das uns wohl eine Weile begleiten wird…
      Supergirl hat den Beitrag zwischenzeitlich auch gelesen und sagt, dass alles ganz anders gewesen wäre. 😉
      Und zu deiner Frage: Meinen Mann stört die Unordnung auch, aber er ist viel weniger zuhause als ich. Da wiegt das Chaos vermutlich nicht ganz so schwer.
      Die Toastverpackung habe ich übrigens mittlerweile weggeräumt. 😉
      Herzliche Grüße!

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  2. Liebe Sophie, wir Eltern wünschen uns doch selbstbewusste und souveräne Kinder, oder? Wenn ja, dann ist diese Phase des Lebens enorm wichtig. Um halbwegs mit guten Nerven da raus zu kommen, sollte man sich an die eigene Pubertät erinnern, sofern dies noch abrufbar ist. Wenn nicht, Oma und Opa fragen 🙂 Es geht alles vorbei, meist viel zu schnell, dies fällt aber erst einiges später auf. Was jetzt passiert, ist die erste richtige und wichtige Abnabelung von den Eltern. Milchreis ist da nur ein Hilfsmittel. Jahre später ist die Wohnung perfekt aufgeräumt, aber leer…. Also geniesst trotzdem diese Zeit zusammen.

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    1. Liebe Sonja, der Satz hat mich besonders berührt: „Jahre später ist die Wohnung perfekt aufgeräumt, aber leer.“ Du hast recht. Ich werde versuchen, auch diese Seite des Elternseins noch mehr zu genießen. 😉Liebe Grüße aus dem Chaos!

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  3. Liebe Sophie, auch ich habe wieder herzlich über deinen Beitrag gelacht und mich an die Zeit mit den eigenen Pubertieren zurückerinnert. Was ich damals nie für vorstellbar hielt: meine Tochter führt inzwischen in ihrer eigenen Wohnung ein strenges Regime, alle müssen beim Eintreten die Schuhe ausziehen und es ist sehr aufgeräumt 😉 Wenn unsere Kinder aber mal wieder „nach Hause“ kommen, fallen sie gern in ihre frühere Rolle zurück … alles ganz normal!

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    1. Liebe Birgit, das ist eine Entwicklung, die mir momentan wirklich unmöglich erscheint. 🙂 Ich bin vor allem gespannt, ob es meinen Töchtern gelingen wird, die leeren Joghurt- und Milchreisbecher (ja, fertigen Milchreis essen alle drei!) fachgerecht zu entsorgen oder ob sie auch in den eigenen Wohnungen überall herumstehen. Aber irgendwann geht es mir wahrscheinlich so, wie Sonja kommentiert hat: Die eigene Wohnung ist zwar perfekt aufgeräumt, dafür vermisst man die Kinder aber. Dann freut man sich bestimmt, wenn sie „nach Hause“ kommen und in alte Rollen zurückfallen. 😉 Herzliche Grüße, Sophie

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