Zum ersten Mal: Kinoleinwand, neongrün

oder: Auf der Suche nach Normalität

Vor einigen Wochen war ich mit meiner kleinsten Tochter seit langer Zeit mal wieder im Kino. Es sollte so werden wie früher, also einfach nur weitestgehend normal. Ganz so wie früher fühlt sich wegen der Masken zurzeit vielleicht nichts an, aber die bemerke ich mittlerweile fast nicht mehr. Und meiner Kleinen scheint es ähnlich zu gehen, so oft, wie sie vergisst, die Maske im Freien wieder abzusetzen.

Vor Corona haben wir nicht oft, aber regelmäßig Filme zusammen geschaut, dann waren die Kinos eine Zeit lang geschlossen und danach habe ich mich in einem Saal mit lauter fremden, potenziell infizierten Menschen nicht mehr wohl gefühlt. Dieses entspannte Kinogefühl, das ich mit den gepolsterten, rot-samtenen Sesseln und einer großen Tüte mit karamellisiertem Popcorn verbinde, hätte sich nicht eingestellt. Nachdem wir alle Corona hatten, bin ich deutlich entspannter.

Auf dem Programm stand der Film „Die Schule der magischen Tiere“, den wir dringend sehen wollten, weil er bestimmt nicht mehr allzu lange laufen würde. Wir waren eine halbe Stunde vor dem Filmstart vor Ort. Man solle zeitig da sein, stand auf der Website des Kinos. Schließlich müsse man sich als geimpft, genesen oder getestet ausweisen, die Kontrolle brauche Zeit.

Der Film oder zumindest die Werbung, die mir eigentlich immer einen Tick zu lange dauert, sollte um 14.30 Uhr beginnen. Meine Tochter und ich saßen zu diesem Zeitpunkt pünktlich und vorfreudig mit Popcorn und M&Ms im Kinosaal, aber der Einlass zog sich in die Länge, deshalb tat sich nichts. Erst gegen 15 Uhr hatten alle Besucher ihre Plätze eingenommen, da hatten wir unseren Proviant fast aufgegessen. Das Kino war so gut wie ausverkauft, nur die Sessel, die wegen der Corona-Auflagen leer bleiben mussten, klafften als Lücken zwischen den Köpfen von Kindern und Erwachsenen. Neben uns auf dem Boden hatte sich eine Gruppe Kinder niedergelassen, um besser sehen zu können. Es schienen Gäste einer Geburtstagsfeier zu sein. Endlich wieder Kino, weitestgehend normal, hatte die Mutter des Geburtstagskindes bestimmt gedacht. Sie hatte sich geirrt.

Der Projektor begann zu laufen. Genauer gesagt: die Tonspur. Auf die Leinwand wurde neongrünes Licht geworfen, das war alles. Neongrün blieb es auch nach dem Neustart der Technik. Kinder und Erwachsene rutschten unruhig auf ihren rot-samtenen Sesseln herum. Der einzige Angestellte, der sich an diesem Nachmittag im Kino befand, der Impfnachweise gescannt, Eintrittskarten ausgedruckt und Popcorn verkauft hatte, lief wie ein aufgescheuchtes Hühnchen hin und her. Noch ein Neustart. Wieder lief die Tonspur, diesmal blieb die Leinwand schwarz. Die Besucher saßen im Dunkeln und schauten schicksalsergeben und/oder ratlos nach vorn. Ich merkte, wie ich langsam genug davon habe, schicksalsergeben und/oder ratlos zu sein, wie gern ich mit meiner Tochter diesen Film gesehen hätte, für sie, nicht für mich, weil sie ein Kind ist, das ab und zu in seinem knapp neunjährigen Leben im Kino gewesen sein sollte. Nicht, weil es so wichtig ist, ins Kino zu gehen, aber weil es normal ist und sich gut anfühlt. Weil es Spaß macht. Weil nicht alles, was Spaß macht, immer wieder coronabedingt ins Wasser fallen sollte. Und am besten auch nicht aus anderen Gründen.

Mein Mann und ich versuchen seit zwei Jahren all die Ausfälle – Urlaubsreisen, Klassenfahrten, Geburtstagsfeiern, Treffen mit Freunden, mit den Großeltern, Theaterbesuche, Hobbys – zu kompensieren. Wir machen „das Beste“ aus der Situation und haben es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ich möchte nicht jammern, ganz bestimmt nicht, ich möchte es nur äußern, aufschreiben, weil es mich bewegt. Nicht so sehr wegen mir, sondern wegen meiner Töchter, denen ich das bestmögliche Leben wünsche und gern meinen Teil dazu beitragen möchte. Sie sollen möglichst unbeschwert sein, weil sie es verdient haben, so wie in meinen Augen alle Kinder Unbeschwertheit verdienen, einfach und allein, weil es Kinder sind.

Tillmann Prüfer hat neulich im ZEITmagazin in seiner Kolumne etwas geschrieben, was mich sehr berührt hat. Es ging um seine älteste Tochter und den Krieg in der Ukraine und er schrieb, dass Eltern auch trösten können müssen und Zuversicht ausstrahlen, auch wenn es eigentlich keinen Anlass dafür gebe. „Sie müssen ihren Kindern zeigen können, dass es einen Grund gibt, das Leben gerade in diesem Augenblick zu umarmen.“ Da steckt für mich ganz viel Wahrheit drin. Ich versuche es jeden Tag. Die Rat- und die Hilflosigkeit, die mir in der Kehle stecken, schlucke ich mühsam herunter und versuche mit meinen Töchtern das Leben zu umarmen. Sie machen es mir leicht, die Umstände machen es mir manchmal schwer.

So wie neulich, als die Leinwand schwarz blieb. Um 15.30 Uhr verließen meine Tochter und ich das Kino ebenso wie alle anderen Besucher. An der Kasse gab es das Geld zurück, wahrscheinlich dauerte das Prozedere ebenso lang wie der Einlass. Ich weiß es nicht, weil wir zu den ersten gehörten, die sich angestellt hatten, diesmal an der anderen Seite der Kasse und ohne den Impfnachweis vorlegen zu müssen.

Wir hatten fast eineinhalb Stunden umsonst mit anderen potenziell infizierten Menschen zusammen in einem dunklen Saal gesessen und Popcorn und mit Schokolade umhüllte Erdnüsse geknabbert. Der verfrühte Gang nach Hause fühlte sich wie eine Niederlage an. Dennoch oder gerade deswegen fragte ich: „Wollen wir es morgen noch einmal versuchen?“ „Ich weiß nicht“, antwortete meine Kleine. „Was ist, wenn es auch morgen nicht funktioniert?“

Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. So wie so oft in letzter Zeit. Dabei hatte der Krieg in der Ukraine noch gar nicht begonnen. Ich habe das Erlebnis im Kino als Sinnbild für die vergangenen zwei Jahre erlebt: Wir schmieden leidenschaftlich Pläne – aber am Ende wird alles über den Haufen geworfen und wir stehen mit leeren Händen da oder einem mehr oder weniger ausgeklügelten Plan B. Die große Kunst ist, sich davon nicht beirren zu lassen und immer weiter zu machen. Das Leben zu umarmen. Wie bereits angedeutet: Das fällt mir in letzter Zeit manchmal schwer.

Aber es reichte noch für einen Kinobesuch am nächsten Tag. Wieder saßen wir lange Zeit im halbdunklen Vorführraum, ich hatte eine Tupper-Schüssel mit Knabberzeug dabei, weil wir keine Lust mehr auf Popcorn und M&Ms hatten. Vorsichtshalber hatte ich noch ein Kartenspiel eingesteckt, falls es Probleme mit dem Projektor geben sollte, die aber nicht zu erwarten waren. Denn ich hatte vorher angerufen und gefragt, ob alles wieder in Ordnung sei. Dennoch habe ich selten so angespannt im Kino gesessen. Und noch nie in meinem Leben habe ich mich so sehr über die einsetzende Werbung gefreut.

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Kinoleinwand, neongrün“

  1. Schön, dass es noch geklappt hat. Und ja doch, Werbung im Kino ist richtig Klasse! 😉
    Das ist gar nicht einfach, Optimismus zu leben, für unsere Kinder. Vor allem angesichts des Krieges. Mit Corona haben wir es noch recht gut hinbekommen, die Kinder waren da sowieso am anpassungsfähigsten und relativ gelassen. Ich habe nie ein Kind wegen der Maske murren hören, bis heute wurde sie bei uns in Italien in der Schule nie abgelegt. Na und? Wenn es nötig ist. Hauptsache, sie können zusammen lernen und spielen. Die Kinder haben da intuitiv mehr Verstand, als viele Erwachsene.
    Danke für deinen schönen Text.
    Liebe Grüße aus Italien, Anke

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  2. Das war ja wieder ein anrührender Text. Vom Kleinen zum Großen. Vom Alltag zur bedrückenden Weltlage. Und trotzdem ohne überflüssiges Gejammer. Sophie macht Mut auch wenn die Bildwand „grün“ bleibt. Danke dafür vom „Follower“. PS. Wie immer als „Gimmick“ ein tolles Foto!

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Follower, vielen Dank für dein Feedback – auch zum Foto! Rot-samtene Sessel hätten ja auch gut gepasst, aber auf den Gedanken bin ich erst außerhalb des Kinos gekommen. Da war es dann zu spät. Herzliche Grüße, Sophie

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