Immer wieder: Die Kuh auf dem Eis

oder: Das Thema der Woche

Meine Freundin Alex stellte neulich die These auf, dass es im Leben immer so eine Art „Thema der Woche“ gebe. Ich entgegnete, dass ich pro Woche eigentlich meist mehr als nur ein Thema hätte, aber verstand natürlich dennoch, worauf sie hinauswollte. Oft beschäftigen uns bestimmte Dinge in bestimmten Zeiten besonders intensiv. Das kann natürlich auch mal mehr als eine Woche lang sein. Oder weniger. Es gibt einen Auslöser, der das Thema der Woche bestimmt, ein besonderes Vorkommnis, etwas Schönes, etwas Aufregendes, etwas Unerwartetes oder Schlechtes. Ein Gespräch zum Beispiel, das uns zu denken gibt. Ein Event, das uns bewegt hat. Die Familie, die Freunde, der Job.

Es könnte sein, dass meine vergangene Woche unter dem Motto „Corona“ gestanden hat. Eigentlich möchte ich sofort den Schleier des Vergessens darüber werfen, aber vielleicht sollte ich vorher noch davon berichten. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid. Wer nichts mehr über Corona lesen möchte, kann die Lektüre jetzt beenden. Ich würde es verstehen.

Am vergangenen Samstag klagte Supergirl über Kopfschmerzen, was mir bei einer fast 13-Jährigen nicht weiter bemerkenswert erschien und vielleicht auch nicht im Geringsten im Zusammenhang mit der weiteren Geschichte steht. Am Sonntagnachmittag hustete sie. Das ließ mich aufhorchen. Dazu kam die eine oder andere Nachricht über ihren Klassenchat, dass die eine oder andere Mitschülerin Corona habe. Das machte mich nervös. „Dann teste dich mal lieber“, sagte ich zu Supergirl und sie testete sich. Der Test war negativ. „Siehst du, man kann auch manchmal einfach nur so Husten haben“, sagten wir im Chor und ich wiederholte den Satz ein paar Mal in Gedanken wie ein Mantra.

Am Montag hatte Supergirl Wandertag. Die Klasse wollte in eine Trampolinhalle gehen. Supergirl musste erst spät am Vormittag los. Ich saß im Homeoffice, als sie mir erzählte, dass jetzt auch ein weiteres Mädchen aus ihrer Klasse Corona hätte, inzwischen waren es vier. „Die saß am Freitag neben mir“, sagte Supergirl und hustete. „Dann teste dich noch mal“, sagte ich. Das kleine Plastikgehäuse des Tests blieb mir gegenüber auf dem Tisch liegen, mein Laptop wie ein Sichtschutz dazwischen. Nach drei Minuten stand ich auf, ging um den Tisch herum und sah: zwei Striche. „Supergirl“, sagte ich. „Du hast Corona.“ Zum zweiten Mal. Eine halbe Stunde später wiederholten wir den Test, um sicherzugehen. Es blieb dabei. Wir separierten uns. Ein eingespieltes Corona-Abwehr-Team, ein Bollwerk gegen die Seuche.

Einige Menschen behaupten, Corona habe den Schrecken verloren. Und wahrscheinlich stimmt das auch. Bei mir ist das allerdings nicht zu hundert Prozent angekommen. Wenn es um Corona geht, mache ich mir trotzdem Sorgen. Kürzlich hatte mir meine Freundin Anna Freudchen erzählt, sie habe einen Artikel gelesen, der eine Studie zitierte: Jede weitere Corona-Infektion würde das Risiko erhöhen, im weiteren Leben mit Folgeschäden zu tun zu haben. Daran musste ich jetzt denken. Und an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, bei dem sich ein einzelner Tag immer und immer wieder abspielt.

Wir kannten das alles: die tägliche morgendliche Test-Routine, geschlossene Türen, geöffnete Fenster, FFP2-Masken in der Wohnung, getrennte Abendessen. Manche Leute finden das übertrieben, mein Mann ist einer von ihnen. „Es ist doch wahrscheinlich eh schon wieder zu spät. Am Sonntagabend haben wir alle zusammen auf dem Sofa gesessen.“ Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, nicht für mich und auch nicht für meine Töchter. In einer Familie gibt es viele Interessen zu berücksichtigen. „Ich möchte es nicht bekommen“, sagte Belle. „Ich auch nicht“, pflichtete Baby Boss ihr bei. „Und ich möchte niemanden anstecken“, sagte Supergirl, die wie im Januar die meiste Zeit allein im Wohnzimmer verbrachte und wieder ihr Nachtlager auf dem Sofa aufgeschlagen hatte. Weit entfernt von unseren Kaninchen, die theoretisch auch Corona bekommen könnten.

Am Donnerstagnachmittag machte Supergirl einen Test. Sie schickte mir ein Foto davon auf mein Handy. Er war negativ. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Sollte der Kelch diesmal wirklich an uns vorübergegangen, die Kuh vom Eis sein? Ich spazierte gerade im leichten Schneefall um den Berliner Grunewaldsee, während Baby Boss Reitunterricht hatte. Mein Vater hatte uns dorthin gefahren, wir hatten alle mit Masken im Auto gesessen, Baby Boss und ich symptomlos auf der Rückbank, mein Vater hüstelnd vorn. „Die Luft unter der Maske ist so trocken“, hatte er gesagt. Am Morgen hatte er sich getestet, alles war gut.

Am Freitag sind wir anderen vier nach wie vor negativ und ohne Symptome. Ich rufe bei meinen Eltern an. „Du kannst Belle heute zum Reiten bringen“, sage ich zu meinem Vater. „Bei uns ist alles in Ordnung.“ Ich höre ihn husten. Es klingt nicht gut. „Alles in Ordnung?“, frage ich. „Ja, es ist nur die trockene Heizungsluft.“ Als ich mit meiner Mutter spreche, sage ich: „Du musst da dranbleiben.“ „Alles klar, mache ich. Mach‘ dir keine Sorgen“, sagt sie.

Ich mache mir Sorgen und arbeite weiter und freue mich über Supergirls schnelle Genesung und wiederhole in Gedanken, dass man manchmal auch einfach nur Husten hat. Gründe dafür gibt es genug, zum Beispiel die trockene Heizungsluft.

Später ruft mein Vater an und sagt: „Ich habe Corona.“ So schnell, wie die eine Kuh runter ist vom Eis, steht auch schon eine neue parat. Ich versuche mir zu sagen, dass Corona seinen Schrecken verloren hat und denke an die Menschen, die ebenso wie mein Vater zur Risikogruppe gehören und die die Erkrankung gut weggesteckt haben, wie beispielsweise meine Schwiegereltern. Es hilft, wenn ich diesen Gedanken wiederhole.

Abends rufe ich noch mal bei meinem Vater an. „Halt die Ohren steif“, sage ich und: „Ich hab‘ dich lieb.“ Was ich nicht sage, ist: „Ich mache mir Sorgen.“ Ich nehme an, er hört es trotzdem.

4 Kommentare zu „Immer wieder: Die Kuh auf dem Eis“

  1. Wie doof! Das tut mir leid. Weißt du, wir haben eigentlich keine Lust mehr aufs Corona-Testen. Es sind jetzt auch so viele andere Viren im Umlauf. Das RSV zum Beispiel ist genau wie bei euch in Deutschland gerade schlimm, viele kleine Kinder müssen ins Krankenhaus und bekommen Sauerstoff. Corona ist nur noch eins von vielen Viren, die jetzt, wo wir nach zwei Jahren plötzlich keine Masken mehr tragen, ihr wildes Spiel spielen. Hoffentlich beruhigt sich das, eine einzige Rundum-Sorglos-Impfung wird es kaum geben. Ich drücke fest die Daumen für deinen Vater, dass er sich schnell erholt! Liebe Grüße Anke

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    1. Liebe Anke, vielen lieben Dank fürs Daumendrücken! Meine Mutter hustet jetzt auch, aber das war wohl zu erwarten.
      Wir haben eigentlich auch gar keine Lust mehr aufs Testen. Irgendwie habe ich mir das aber so antrainiert, ebenso wie das Sich-vor-Corona-Fürchten. Ich hoffe, dass das der letzte Corona-Winter wird, also: zumindest der letzte, in dem man da noch so genau hinschaut. Denn du hast ja recht: Es gibt noch so viele andere Viren, die sich munter tummeln und auch sehr krank machen können. Herzliche Grüße nach Italien!

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