Immer wieder: Weißt du noch?

oder: Paare in Outdoor-Jacken

Seit ungefähr zehn Jahren wünsche ich mir ziemlich dringend, die Zeit anhalten zu können oder sie zumindest daran zu hindern, an mir vorbeizurauschen wie ein Wanderfalke im Sturzflug. Trotz seines eher gemütlichen Namens erreicht er dabei Geschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometern und ist damit der schnellste Vogel der Welt.

Ein Thema, das mir in meinem Leben immer wieder begegnet, ist Vergänglichkeit, obwohl ich mich wirklich gar nicht darum reiße. Es drängt sich einfach auf und nutzt meinen Hang zur Melancholie, wittert seine Chance zum Beispiel in Momenten, in denen ich mich darüber wundere, wie schnell meine Töchter groß werden.

Gestern sind wir von einem Kurztrip nach Prerow zurückgekehrt. Von allen Inseln, die wir kennen, gehört der Darß zu unseren liebsten. Seit Supergirl vor fast 13 Jahren geboren wurde, waren wir jedes Jahr dort, bis auf einmal, als wir wegen Corona nicht nach Mecklenburg-Vorpommern einreisen durften. Oder habe ich das vielleicht nur gealbträumt?

Prerow ist für uns ein Ort, der voller Weißt-du-nochs steckt, fast jede Ecke ist mit einer Erinnerung verbunden. Weißt du noch, als Supergirl im Alter von anderthalb Jahren in Zingst beim Spielen am Strand ins Wasser gefallen ist – vollständig bekleidet und unter den Augen von zahlreichen Schaulustigen auf der Seebrücke? Als wir mit Baby Boss zur Kinderärztin vor Ort mussten, weil sie mal wieder Streptokokken hatte? Als sie sich in unserer Ferienwohnung in ihrem Bett übergeben hat? Als Belle ihre sämtlichen Schleich-Tiere in einer großen Kiste mit dabeihatte und die Figuren gern zusammen ein Lied gesungen haben, das Belle aus der Kita kannte? Als wir zum Weststrand radeln wollten und Supergirl einen Platten hatte? Weißt du noch, wie wir im „Halben Haus“ das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2014 gesehen haben? Als mein Vater vom Fahrrad gestürzt ist? Als wir die Schifferkirche in Ahrenshoop besichtigt haben und Supergirl, damals noch ein kleines Mädchen, unvermittelt beim Verlassen der Kirche „Halleluja“ gesagt hat?

Das Schöne ist: All die Weißt-du-nochs sind gute Erinnerungen, obwohl die Dinge, die uns passiert sind, manchmal gar nicht gut waren.

Wir haben Prerow allein besucht und mit Freunden, mit meinen Eltern, meinem Bruder, seinen Kindern, der Cousine meines Mannes, mit Goldlöckchen und Schneewittchen und ihrer Familie. Wir haben in Ferienhäusern gewohnt, in Ferienwohnungen, zentral und am Ortsrand. Wir waren im Frühling und im Sommer in Prerow, im Herbst und jetzt zum ersten Mal im Winter. In Prerow fühle ich mich fast ein bisschen zuhause.

In diesem Jahr verliefen sowohl die Hin- als auch die Rückfahrt sehr still. Bis vor kurzem saß ich hinten im Auto zwischen Belle und Baby Boss und war damit beschäftigt, Snacks zu reichen. Jetzt hatte ich ein Upgrade in die erste Klasse und sitze vorn und bin damit beschäftigt, einen guten Radiosender zu finden. Nach Snacks werde ich deutlich seltener gefragt. Früher haben wir gemeinsam mit Drache Kokosnuss Abenteuer erlebt oder mit den drei Ausrufezeichen Fälle gelöst. Jetzt sitzen die Mädchen alle auf der Rückbank und tragen Kopfhörer in Schwarz (Belle), Weiß (Supergirl) und Rosa (Baby Boss) und schauen auf ihre Tablets und Smartphones. Falls dort hinten niemand mehr sitzt, wird es mir vielleicht gar nicht auffallen, weil es auch jetzt schon so still ist, habe ich während der Fahrt gedacht.

Davor graut es mir ein bisschen: dass dort hinten irgendwann niemand mehr sitzt. In sechs, sieben Jahren vielleicht. Hoffentlich nicht noch früher. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich sehr dankbar dafür, dass wir drei Kinder haben und dass es wahrscheinlich keinen abrupten Übergang gibt und die Rückbank ganz plötzlich und auf einen Schlag leer bleibt. Ich hoffe, dass sich die Kinder wie ein Medikament ausschleichen werden. Zuerst kommt die eine nicht mehr mit, dann die andere und erst sehr viel später auch die Dritte nicht mehr. Das heißt: Es bleiben erst noch zwei und dann mindestens noch eine übrig, die sich mit ihren Kopfhörern vom Radiosender Ostseewelle abschirmen.

Manchmal sehe ich im Urlaub Paare um die fünfzig, die entweder keine Kinder haben oder deren Kinder aus dem Haus sind oder deren Kinder vielleicht noch zuhause wohnen, aber nicht mehr in den Familienurlaub mitkommen, der deshalb auch nicht mehr als ein solcher bezeichnet werden kann, sondern allenfalls als Paarurlaub. Die Paare machen keinen unglücklichen Eindruck, dennoch deprimieren sie mich ein bisschen. Vielleicht male ich mir die Zukunft mit fast erwachsenen oder erwachsenen Kindern schlimmer aus als sie ist. Vielleicht kann ich es mir einfach nicht vorstellen und vielleicht macht es mir allein deshalb ein mulmiges Gefühl. In meiner Erinnerung waren doch gerade erst meine Eltern an diesem Punkt: Der Blick in den Rückspiegel zeigte nicht mehr meinen Bruder und mich, sondern weiter hinten im Kofferraum unseren Hund. Werde ich auch mal in den Rückspiegel schauen und direkt in die treuherzigen Augen eines Golden Retrievers, Dalmatiners oder Cocker Spaniels?

In Ahrenshoop ist mir ein Paar aufgefallen, das dieselben Outdoor-Jacken in Rot und Weiß trug. Da habe ich es wirklich mit der Angst zu tun bekommen. „Also, wenn wir mal dieselben Outdoor-Jacken tragen und du dann noch ein Stirnband hast, damit deine Ohren nicht kalt werden…“, sage ich zu meinem Mann und weiß nicht, wie der Satz weitergehen soll. „Was ist so schlimm an denselben Outdoor-Jacken?“, fragt er, aber nur um mich zu ärgern. Ich glaube, auch für ihn wäre das ein Scheidungsgrund.

Da wir die Zeit in ihrem falkenhaften Sturzflug ohnehin nicht anhalten können, müssen wir wohl einfach abwarten, wie unser Leben weitergeht, wenn keines der Mädchen mehr mit uns verreist und wir von den alten Weißt-du-nochs in Schwarz-Weiß zehren müssen, ohne dass neue hinzukommen. Ich habe mir heimlich vorgenommen, niemals eine Outdoor-Jacke zu kaufen, sondern auch bei Wind und Wetter bei meinen modischen Mänteln zu bleiben. Sicher ist sicher.

Ich habe mal ein Gedicht gelesen in einem Büchlein, das mir Goldlöckchen geschenkt hat. Das Gedicht ist von Angela Krauß, heißt „Sei ganz ruhig“ und geht so:

Sei ganz ruhig. Das Leben besteht nicht aus Sensationen, es läuft nicht davon, es bietet keine verpassten Gelegenheiten, es wird nicht einmal weniger mit den Jahren. Dreh dich nur beiläufig um: Es wird mehr.

9 Kommentare zu „Immer wieder: Weißt du noch?“

  1. Keine Sorge, Menschen die zu zweit nebeneinander laufen und auch mal schweigen können, halten es gut zusammen aus. Im richtigen Moment kommen die Worte oder eine Hand zum festhalten. Es gibt halt für alles Phasen im Leben.
    Gleiche Jacken müssen es nicht sein, hihi.
    Alles Gute für dich und deine Familie.

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  2. Liebe Sophie! Ich hoffe, ihr habt in kompletter Familie gut ins neue Jahr gefeiert und wünsche euch dafür Gesundheit, Freude und Neugier auf die Veränderungen. Auf dass ihr euch jedes Jahr neue schöne Erinnerungen schafft. Das Reisen mit den Mitfahrern auf der Rückbank, die sich unter jeweils eigenen Kopfhörern abschirmen, finde ich übrigens viel entspannter als den Stress, sie selbst bei Laune halten zu müssen.😉
    Ich freue mich schon jetzt auf deine Geschichten in 2023. Dir gelingt es so wunderbar, die ganze Gefühlspalette des Familien- und Lebens allgemein auszuloten. Weiter so! Alles Liebe aus Italien von Anke

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    1. Liebe Anke, ich wünsche dir und euch auch ein wunderschönes und gesundes neues Jahr und freue mich auf viele neue Texte und Eindrücke aus deinem Leben (das unserem nicht unähnlich zu sein scheint 😉). Das „Weiter so!“ kann ich aus tiefstem Herzen zurückgeben.
      Vielen Dank auch für deine lieben Worte zu meinem Blog. Ich frage mich ja oft, ob ich die Menschen so erreichen kann, wie ich es möchte. Ob es mir gelingt, eine Brücke aus meiner eigenen Gedanken- und Gefühlswelt und meinem Alltag hin zu anderen zu bauen. Schön, wenn es mir bei dir gelingt. 🙂
      Herzliche Grüße aus Berlin!!!

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    2. Ich würde dich gern noch etwas fragen, liebe Anke. 🙂 Wo willst du eigentlich noch hin mit dem Schreiben? Wovon träumst du? Oder reicht es dir so, wie es ist? Hast du versucht, dein Buch „Mensch, Manu!“ bei einem Verlag unterzubringen oder hattest du gleich vor, es über Books on Demand zu veröffentlichen? Herzlich, Sophie

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      1. Gute Frage. Zurzeit fühle ich mich wohl mit den kurzen Texten im Blog.
        Mein Buch hatte ich Verlagen vorgeschlagen, bekam einen vermutlich guten Hinweis, dass es eher ein Jugendbuch wäre. Da ich Jugendbuchverlage nicht kenne, hatte ich einfach drei oder vier angeschrieben, aber nix. Dann habe ich BoD gewählt, und zumindest im Bekannten- und Freundeskreis interessierte Leser gefunden. Ein neues Romanprojekt schließe ich nicht aus, aber es muss zünden. Die Idee muss stark genug sein, sich nochmal in eine so langwierige, doch auch sehr einsame Arbeit ohne direktes Feedback einzulassen. Mal schauen.
        Wie ist das bei dir, du hast schon so Andeutungen gemacht, da war mal die Geschichte mit dem Eisgeschäft …? Solltest du ein Buch schreiben, würde ich das gern begleiten, wenn du magst. Ich selbst hätte mir gewünscht, schon während des Schreibens Rückmeldungen zu bekommen. Wenn man es fast am Ende jemandem gibt, hat man keine Lust mehr auf grundlegende Veränderungen. 😉 Lass mich wissen. Nochmals liebe Grüße!

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      2. Da sagst du was: Es ist eine sehr langwierige Arbeit. Wie lange hast du für dein Buch gebraucht?
        Ich habe bisher zwei Bücher geschrieben: „Der Eiskrem-Wettbewerb“ für Kinder und „Viggo“ für Jugendliche (und Erwachsene). Das erste Buch hat 250 Seiten, das andere knapp 400. Ich habe erst mit „Viggo“ begonnen und das andere dann dazwischengeschoben. Für beide zusammen habe ich mehrere Jahre gebraucht, weil ich auch immer nur nebenher schreiben kann. Aber weißt du was? Es ist einer meiner ganz großen Träume: Schriftstellerin zu werden.
        Ich habe damals, als „Der Eiskrem-Wettbewerb“ Ende 2019 fertig war, versucht, eine Literaturagentur zu finden, die mich unter Vertrag nimmt. Leider ohne Erfolg. Dann habe ich es nochmal versucht, als ich auch „Viggo“ beendet hatte, wieder nur über Literaturagenturen. Den nächsten Schritt – es direkt bei Verlagen zu versuchen – schiebe ich seitdem vor mir her…
        Eine Literaturagentin hat mich damals auf das Bloggen gebracht, wir hatten eine Weile ein gemeinsames Blog-Projekt, bevor ich im vergangenen Jahr mit meinen Beiträgen auf eine eigene Plattform umgezogen bin. Seither habe ich eigentlich kaum mehr an meinen Buch-Projekten gearbeitet, obwohl ich noch einige Ideen habe.
        Dein Angebot, liebe Anke, finde ich total herzig und lieb. Vielleicht magst du ja etwas von mir lesen (auch wenn es schon fertig ist). Melde dich doch einfach gern mal per Mail. Meine E-Mail-Adresse findest du im Impressum.
        Sehr herzliche Grüße, Sophie

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