Zum ersten Mal: Rollentausch mit meinen Töchtern

oder: The Empire Strikes Back

Neulich hat mir meine Freundin Goldlöckchen etwas Interessantes erzählt, das ich dringend selbst ausprobieren möchte. Es hat mit meinen Kindern zu tun, aber die wissen noch nichts von ihrem Glück. Goldlöckchen und ich saßen im Tiergarten im Englischen Garten auf einer Parkbank und sie berichtete von einem Rollentausch, den sie mit ihrer acht Jahre alten Tochter ausprobiert hat. Er war nicht geplant, sondern ergab sich aus der Situation. Sie schlüpften jeweils in die Rolle der anderen und ließen sich vollkommen fallen. Goldlöckchens Tochter setzte sich Goldlöckchens Lesebrille auf, um die Geschichte noch echter wirken zu lassen. Ich weiß gar nicht mehr genau, wer was äußerte oder wer sich wie verhielt in der Rolle der anderen. Ich weiß nur, dass es mich beeindruckt hat. Beide Seiten hielten sich einen Spiegel vor und konnten damit zum Beispiel ganz sanft Kritik am Verhalten der jeweils anderen üben: von hinten durch die Brust ins Auge.

Das muss ich auch dringend machen, dachte ich sofort. Und ich sagte es laut zu Goldlöckchen und sah mich vor meinem geistigen Auge, wie ich meine Wäsche und Joghurtbecher und Apfelgriebsche in der Wohnung verteilte, um mich voll und ganz in die Rolle meiner Töchter hineinzuversetzen. Ich weiß, dass ich darüber schon einmal geschrieben habe, einen ganzen Beitrag habe ich dem Thema gewidmet und den Aspekt in anderen Texten am Rande angesprochen. Wen das jetzt langweilt, der kann gern weiterblättern. Für mich ist es etwas, mit dem ich täglich umgehen muss, und vielleicht hat es therapeutische Wirkung, wenn ich es zu Papier bringe: wieder und wieder. Vielleicht verliert es dann seinen Schrecken.

Es gibt nicht einen Raum in dieser Wohnung, der wirklich und wahrhaftig als ordentlich zu bezeichnen wäre. Überall liegt irgendetwas herum, zumindest zeitweise. Das meiste davon hat nichts mit mir zu tun. Es sind leere Brötchentüten, Joghurtbecher und -deckel, Teller, auf denen sich Reste von Nutella und Krümel befinden, Kopfhörer, getragene, auf links gedrehte Socken, Zopfgummis, Schalen von Kürbiskernen auf dem Sofa, offene Zahnpastatuben, Baby Boss‘ Zahnspange, Schulsachen, Ladekabel. Vieles davon liegt unmotiviert auf dem Boden, lümmelt sich dort quasi hin. Es ist sehr viel Kleidung dabei, achtlos abgeworfen. Oft stapelt sich diese auch auf einem Stuhl, der nicht mehr als solcher zu erkennen ist und unter der Last zusammenzubrechen droht. Oder ich breche zusammen, wenn ich die dort befindliche Kleidung wieder mühsam zusammenlege und in Kommoden und Schränke räume.

Beim Rollentausch würde ich versuchen, Dinge, die ich benutzt habe, in den Zimmern der Mädchen stehen- und liegenzulassen. Kurzzeitig habe ich gedacht, dass es natürlich nicht zu auffällig sein darf. Jetzt ist mir aber der Gedanke gekommen, dass sie die von mir platzierten Requisiten vielleicht noch nicht einmal bemerken könnten.

Ich habe einen leeren Joghurtbecher plus Deckel und Teelöffel bei Baby Boss und Supergirl im Zimmer auf den Boden gestellt, in die Nähe des CD-Spielers. Außerdem zwei kleine Folien, in die Pralinen eingewickelt waren und von denen ich hoffe, dass sie zweifelsfrei mir zugeordnet werden können. Ich sollte auch meine Kleidung irgendwo liegenlassen, am besten im Bad auf dem Badezimmervorleger. Dort landet immer mal wieder etwas. Ich finde es irgendwie schade um meine Sachen, deshalb war ich mir unsicher, ob ich sie da wirklich hinknüllen möchte. Ich habe mich jetzt für meine Joggingkleidung entschieden, die muss ich eh waschen. Sie liegt jetzt mitten im Badezimmer. Während ich schreibe, knacke ich die Schalen von ein paar Kürbiskernen, die ich gleich bei Belle im Zimmer auf dem Sofa ablege. Dann würde ich noch irgendwo mein Ladekabel positionieren und gemeinerweise noch meine auf links gedrehten Laufsocken. Das müsste als Schuss vor den Bug erst einmal ausreichen (hoffe ich!).

Streng genommen müsste ich beim Rollentausch auch sehr kompliziert beim Essen sein und erst mal mein Gesicht verziehen, wenn eine meiner Töchter in meiner Rolle oder der meines Mannes etwas vorschlägt. Vielleicht würde ich dann sogar genervt mit den Augen rollen und mich persönlich angegriffen fühlen, falls es etwas mit Gemüse ist.

In meiner neuen Rolle bräuchte ich mehrere Aufforderungen, um unseren Kaninchen Futter zuzubereiten und um den Stall zu putzen. Ich würde Videos von Turnerinnen auf Instagram anschauen und meinen Freundinnen pro Tag und Freundin zehn bis zwanzig fünfsekündige Sprachnachrichten schicken anstatt anzurufen.

Ich würde mich weite Teile des Tages in unserer Kammer aufhalten und mich im Spiegel betrachten, mir die Haare flechten, zum Dutt auftürmen, meine Bauchmuskeln spielen lassen. Ich würde nur an dem Tag Klavier üben, an dem ich Unterricht hätte, und zwar fünf Minuten. Ich würde nicht ein einziges Wort über Jungen aus meiner Klasse verlieren und damit die Person, die in meine Rolle schlüpft, total neugierig machen. Ich würde in jeder freien Sekunde an meiner Unterlippe nuckeln, einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn mich jemand dazu auffordert, meine Hausaufgaben zu erledigen. Wenn überhaupt, würde ich sie nur bearbeiten, wenn ich dabei Hörspiel hören dürfte. Später würde ich mir Eurovision-Song-Contest-Lieder der vergangenen Jahre anhören und dabei Ausdruckstanz machen. Abends würde ich im Dunkeln auf meinem Hochbett lesen. Ich würde Handstand üben und schmutzige Flecken auf der relativ frisch gestrichenen Wand hinterlassen.

Wenn ich meine benutzten Teller und Tassen überhaupt aus meinem Zimmer tragen würde, ließe ich sie auf der Arbeitsplatte über der Spülmaschine stehen und räumte sie keinesfalls ein. Ich würde mir jeden Tag etwas anderes anziehen und die einmal getragene Kleidung auf den Wäschekorb werfen (auch hier wieder: keinesfalls einräumen! Das würde das ganze Rollenspiel kaputt machen).

Aber am Ende wäre ich doch so entzückend und wunderbar, dass man mir das alles gar nicht übelnehmen könnte, sondern als liebenswerten Teil meiner selbst erkennen würde, ihn vielleicht sogar zu schätzen wüsste. Man würde einknicken und das Rollenspiel reumütig abbrechen und nie wieder aufnehmen. Die bedingungslose Liebe würde siegen.

PS Hihi, und später berichte ich, wie die Mädels auf die präparierte Wohnung reagiert haben.

13 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Rollentausch mit meinen Töchtern“

    1. Lieber zeitgeiststories, ich will noch nicht zu viel verraten, aber die Reaktionen auf mein Experiment sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Abhängig vom Alter meiner Töchter übrigens…

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  1. Jeden Tag etwas anderes anziehen? Mehrmals täglich. Und Mama steht dann vor den Haufen von zerknüllter Wäsche, die Bade- und Kinderzimmerböden zieren, und versucht zu identifizieren, was getragen, was nur probiert, was zu waschen ist und was wieder in den Schrank kommt.
    Dies meine Ergänzung. Alles andere passt.
    Übrigens, liebe Sophie, hatte ich auch schon daran gedacht, mir den Frust mal von der Seele zu schreiben. Und zu dir zu verweisen, die du es ja guthast und nur manchmal Joghurtdeckel einsammeln musst. 😂 Mein Artikel wäre aber nicht so nett und unterhaltsam geworden, wie es dir gelungen ist. Meine Verzweiflung ist zu groß. 😩
    Ein Tipp im Hinblick auf die Reaktion? Sie merken es gar nicht. Es sind doch nur wir Mütter, die so maßlos übertreiben mit dem Ordnungsfimmel. Ich solle mal die Wohnungen ihrer Freundinnen sehen, heißt es immer. Was sagt denn eigentlich der Papa zu dem Thema?
    Solidarische Grüße aus Italien.

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    1. Liebe Anke, meine Verzweiflung ist auch manchmal groß! Aber das sind dann die Momente, in denen ich keine Zeit finde, Blogbeiträge zu schreiben. 😉
      Ich frage mich manchmal, ob ich als Teenager auch so unordentlich war und meine Mutter mir alles hinterhertragen und -räumen musste. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass sich getragene oder auch nur aus dem Schrank gerissene Kleidung in meinem Zimmer gestapelt hätte. Außerdem meine ich, dass ich schon relativ früh angefangen habe, meine Wäsche auch mal selbst zu waschen. Aber stimmt das auch? Falls meine Mutter das hier liest, kann sie mich gern eines Besseren belehren…
      Mein Mann meint, dass uns, was die Ordnung in unserer Wohnung betrifft, insgesamt „der letzte Schliff fehlt“, wie er immer sagt. Das bedeutet, dass zum Beispiel der Salzstreuer auf dem Tisch stehen bleibt, wenn eigentlich alles abgeräumt werden sollte. Vieles lässt sich mit wenigen Handgriffen erledigen – wird aber einfach nicht getan! Die Unordnung der Mädchen stört ihn auch, aber mehr noch das Hinterherrennen, wenn es um den Kaninchenstall geht, oder die Essensplanung, für die er als Koch der Familie zuständig ist.
      Solidarische und sehr herzliche Grüße zurück!

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      1. Wir waren nicht so! Weder ich noch meine Mutter erinnern sich. Bei meinen Nichten und Neffen war das Chaos aber auch schon Mode, daran erinnere ich (!) mich sehr wohl. Werde bei nächster Gelegenheit mal sie selbst und ihre Eltern fragen. Ich hoffe ja auch, dass wir uns später nur an die schönen Dinge des Zusammenlebens erinnern. Manchmal fühle ich mich wie in einer WG, da lassen ja bekannterweise auch immer alle alles liegen, zumindest in der Küche.
        Essensplanung: da sagst du was. Vor allem, wenn man nie weiß, wie viele am Tisch sitzen werden. Das betrifft die Große, die jetzt gern mal zu einer Mahlzeit nicht da ist, oder sie lädt noch eine Freundin ein. Es muss nicht eine Woche vorher sein, aber am Vortag wüsste ich schon gern Bescheid, was und für wie viele ich planen muss. Ich kaufe nämlich immer sehr genau beispielsweise 4 Scheiben Fleisch, es ist nie einfach noch mehr da für Überraschungsbesuch. Dazu könnte ja dein Mann mal einen Gastbeitrag schreiben, als Küchenbulle im Hühnerstall oder so, hi hi 😉.
        Hab einen entspannten, aufgeräumten Abend!😊

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  2. Hihi, ich fühle mit Dir!

    Mein Lieblingspubertier sagte mal zu mir „Mama, geh nicht in mein Zimmer, Du wirst Dich nur aufregen.“ Jupp ,-)! Gott sei Dank bezieht sich das jetzt nur noch auf sein Zimmer, für den Rest der Wohnung hab ich den Mann *gröhl*

    Da hilft nur Ruhe bewahren. 😘

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    1. Das ist aber doch immerhin schon mal eine recht selbstkritische Einschätzung deines Pubertiers. 😉 Ich glaube, da müssen meine noch hinkommen…
      Hihi, und dein Mann macht auch Unordnung, ja?

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  3. Da kommt mir doch einiges bekannt vor, auch wenn das Teenageralter meiner Töchter schon eine Weile her ist und eine Tochter schon eine eigene Familie (mit zwei Töchtern, ausgleichende Gerechtigkeit) hat.
    Grüße
    Matthias

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    1. Ich frage mich auch manchmal, ob sich meine Töchter daran erinnern werden, wie unordentlich sie als Teenager waren, wenn später ihre eigenen Kinder die Wohnung auf den Kopf stellen. Oder ob sie dann alles vergessen haben…

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